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Holzkirchen

Nachfolgendes Kapitel VIII wurde wörtlich aus dem Buch von R. Dethlefsen übernommen. Der Authentizität wegen, gilt das auch für Orthographie und Zeichensetzung. Ebenso wurde der nicht immer einheitliche Schreibstil der Ortschaften übernommen (z.B. Rohgehnen - Rogehnen). Das Präsenz bezieht sich auf das Jahr der Veröffentlichung, 1911.

VIII Holzkirchen


"Wenn die bäuerliche Baukunst in Ostpreussen vollständig behandelt werden soll, dürfen die Holzkirchen und hölzernen Glockenthürme nicht unerwähnt bleiben.
In der gleichen Bauweise ausgeführt, aus den gleichen Materialien und mit Schmuckformen ausgestattet, die dem gleichen Ideenkreis angehören, bilden sie sogar einen wichtigen Theil des zubehandenden Themas, denn sie sind die ältesten vorhandenen Beispiele der Holzbaukunst im Lande, enthalten die größten in dieser Konstruktion ausgeführten Bauwerke und verdienen nach Zweck und Form gleich sehr besondere Beachtung.

Pfarrkirche und Kirchhof in Wielitzken (Wallenrode), Kr. Oletzko

Wielitzken Freilich, Holzbauten der ältesten Zeit, über die wir Nachrichten besitzen, sind auch unter ihnen nicht mehr vorhanden. Mit diesen haben, soweit sie nicht schon vorher im natürlichen Laufe der Dinde abgängig geworden oder sonst durch Steinbauten ersetzt waren, die mannigfachen Kriegsläufe, vor allem der Tatareneinfall von 1656, gründlich genug aufgeräumt. Ueber diesen Zeitpunkt zurück, und auch nur um wenige Jahrzehnte, gehen nur die von 1590 datierte, 1894 aber leider abgebrochene Kirche von Groß=Rosinsko und vielleicht die von Scharnau. Im übrigen liegen die liegen die Entstehungszeit der meisten unserer Holzkirchen unmittelbar nach dem benannten Unglücksjahre, und wiederum ist keine der noch vorhandenen nach 1752 vollendet, während die Thürme in ihren einfacheren Formen diese Zeitspanne nach beiden Seiten hin um ein geringes überschreiten. Um auf die einzelnen näher einzugehen, so sind die nicht näher datierten Kirchen in Leip, Rauschken und Scharnau sicher alte Formen. Von den vier großen, am nächsten mit einander verwandten masurischen Kirchen wurde Groß=Rosinsko schon genannt. Wrelitzken ist bald nach 1660 gebaut, der Thurm 1694; Kallinowen 1666, der Thurm 1725; Ostrokollen 1667.

Innenansicht der Pfarrkirche zu Ostrokollen, Kr. Lyck

Ostrokollen Es fällt auf, daß die in der Formengebung so nahe verwandten Thürme dieser vier Gotteshäuser zeitlich so weit auseinanderliergen sollen. Bei näherer Prüfung zeigt aber der Zimmerverband große Verschiedenheiten, und es liegt nahe, daß die verschiedenen Jahre mit ihrer verschiedenen Technik sich nur für die äußere Gestalt an ein gemeinsames Vorbild gehalten haben.
Die nächste, kleinere Gruppe bilden die vom Ende des 17. Jahrhunders stammende Kirche in Groß=Lensk, die vom Anfang des 18. Jahrhundert datierte Kirche in Reichenau und die in die gleiche Zeit zu setzende Kirche von Peterswalde.
Von den Holzthürmen stammt Schalmey von 1622. Die ursprüngliche welsche Haube ist 1690 durch das eckige Zeltdach ersetzt. Lichtenhagen ist aus der gleichen Zeit; Machenguth von 1685; Blumenau von 1707; Freudenburg, Lockern, Nosberg und Schulen aus der selben Zeit; Deutschendorf und Rohgehnen von 1752; Groß=Koschlau von 1774; Heinrichsdorf endlich aus der selben Zeit. Auch sie sind also im wesentlichen der Ausdruck einer bestimmten eng umrissenen Zeit, und das prägt sich auch deutlich aus in der nahen Verwandtschaft, in der diese Holzkirchen und =thürme alle zu einander stehen.

Kirchturm zu Schulen, Kr. Heilsberg

Schulen Die Konstruktion zunächst ist die gleiche. Bei allen sind die Schiffe im Gehrsaß der gewöhnlichen Art und die Thürme aus verbrettertem Fachwerk in gutem Kiefernholz ausgeführt. Der ursprüngliche Karakter der äußeren Erscheinung der Schiffe ist dann freilich später dadurch verändert, daß sie zum Wetterschutz außen senkrecht verbrettert wurden. Nur Reichenau hat sich bis heute den Gehrsaß unverkleidet erhalten. In Rauschken ist der alte Bau vollkommen mit Fachwerkwänden ummauert, und dort, wie auch in Groß=Lensk und Scharau, sind außerdem noch besondere, die Wände versteifende und zusammenhaltende Konstruktionen eingebaut (Tafel 31, Fig 1-3, 7, 11; Tafel 32). Der Dachverband ist überall kräftig und aus reichlich starken Hölzern hergestellt, wie es jene an Holz so reiche Zeit liebte. Alle Gebinde sind voll ausgebildet und reichlicher Windverband ist überall vorhanden. Das Material zur Deckung sind heute Schindeln oder Pfannen; daß ursprünglich Stroh verwandt wurde, steht für Wielitzken und Groß=Rosinsko fest und ist für alle wahrscheinlich. Wo sich Fenster und Thüren im ursprünglichen Zustande noch erhalten haben, sind sie nicht groß und flachbogig geschlossen (Kallinowen, Ostrokollen). Das Rundfenster im Chore von Groß=Rosinsko ist, wenn es ursprünglich war, eine Ausnaheme.

Pfarrkirche in Schalmey, Kr. Brausberg

Schalmey In der Grundrißausbildung weichen die Holzkirchen von den steinernen Gotteshäusern Ostpreußens wesentlich ab. Während bei den Letzteren mit verschwindenen Ausnahmen nur der gerade Chorabschluß vorkommt, sind die Chöre der Holzkirchen alle vielseitig, meist nach dem Achteck geschlossen. Die einzige Ausnahme bildet Scharnau mit einem geraden Chorabschlusse, über dem nach Art der Bauernhäuser ein Fachwerkgiebel aufsetzt. Wo bei den großen Kirchen (Kallinowen, Ostrokollen, Rosinsko, Wielitzken) der Chor besonders behandelt ist, fällt, weil ja die Bauten alle nach der Reformation liegen, seine verhältnismäßige Weiträumigkeit auf. Für die kleinere, ebenso konstruierte Kirche von Gr.=Lensk war, da sie dem katholischen Bekenntnisse angehörte, diese Lösung die natürliche. Das Schiff springt dann rechtwinklig nach beiden Seiten über die Chormauer hinaus, sodaß zwei Seitenschiffe von mäßiger Tiefe entstehen. Die Pfeilerstellungen, welche die in den Seitenschiffen regelmäßig angebrachten Emporen und auch die Decke mit zu tragen haben, sind in der Flucht der Chorwände durch das Schiff hindurch weitergeführt (Tafel 26, Fig. 7, 11, 13, 15; Tafel 27, Fig. 3, 7, 20). Die hiervon um die Balkenstärke abweichende Darstellung in dem überlieferten Grundrisse von Groß=Rosinsko dürfte auf einer zeichnerischen Ungenauigkeit beruhen (Tafel 27, Fig. 15, 16). Der Raum zwischen den Außenwänden des Chores und denen der Seitenschiffe wird in glücklicher Weise zum Anlegen einer Sakristei benutzt. Eine Lösung von besonderem Reize hat hier die überhaupt größte und den ganzen Baugedanken der Holzkirchen am geschicktesten durchführende Kirche zu Ostrokollen. Hier sind diese kleinen Anbauten, fluchtrecht mit den Seitenschiffen ausgeführt, auf beiden Seiten der Kirche in gleicher Größe vorhanden. Sie haben ein logenartiges Obergeschoß, das sich mit einer schönen Bogenöffnung dem Chore anschließt (Abb. 47; Tafel 27, Fig. 3, 7).

Pfarrkirche in Lichtenhagen, Kr. Königsberg-Land

Lichtenhagen Am Westende sind die Schiffswände der großen Kirchen gerade abgeschlossen, nur Groß=Rosinsko besaß auch im Westen einen mehrseitigen Abschluß. Bei dieser Gruppe ist immer der Westfront ein Thurm vorgelagert, der mit einem in zwei Absätzen ausgeführten Zeltdache gekrönt ist.
Die Konstruktion der Umfassungswände ist den ostpreußischen Holzkirchen durchweg gemeinsam; wo sie auf ein unteres massives Geschoß aufsetzen, gehört dieses stets einem früheren, älterem Bau an.
Bei der zweiten Gruppe der kleineren Kirchen, wenn man überhaupt so theilen will, sind beide Enden vielseitig geschlossen (Peterswalde, Reichenau). Ein Bindeglied zwischen beiden Gruppen bildet Gr.=Lensk, welches die Chorlösung der einen mit der Westfrontlösung der anderen vereinigt. Bei diesen Formen steht der Glockenthurm, entweder als reiner Nützlichkeitsbau, wie in Peterswalde, oder etwas reicher ausgestattet, wie in Reichenau, frei neben der Kirche. Immerhin Erwähnung verdient an dieser Stelle, daß an zwei Orten in der Provinz, in Gr.=Peisten und in Tannenberg, kleine Steinkirchen vorhanden sind, welche, an beiden Enden mehrseitig, aus dem Achteck geschlossen und nur mit einem Dachreiter auf dem einen Ende versehen, lebhaft an die Form unserer kleinen Holzkirchen erinnern. Sie entstammen auch beide der gleichen Zeit wie diese, dem Ende des 17. Jahrhunderts.

Chorgestühl aus der Pfarrkirche in Neuendorf, Kr. Königsberg-Land

Auch ein paar Holzthürmen an Steinkirchen ist noch Beachtung zu schenken wegen der besonders guten Formen ihrer Hauben. Blumenau, Locke und Machenguth sind die schönsten Beispiel dieser Art im Lande (Taf. 29), aber auch einfachere Formen, wie die Thüme von Deutschendorf, Freudenberg, Rogehnen und Schulen(Abb. 48), haben bei aller Schlichtheit schöne, kräftige und durchaus karakteristische Linien und geben ein wirkungsvolles Bild. In Fällen, wie Lichtenhagen (Abb. 50) und Schalmey (Abb. 49) tragen die alten Holzthürme zur anmutigen und malerischen Wirkung der schön gelegenen Kirchen wesentlich bei.
Der Thurm und Querschnitt von Grabnik (Tafel 28, Fig. 18, 19) sind als Beispiel beigefügt, um zu zeigen, wie die jüngere Vergangenheit einer solchen Bauaufgabe gerecht zu werden versuchte. Der Bau stammt von 1865. In dem einfachen, kräftigen Thurme mit Kreuzdach und Dachreiter ist eine Lösung gefunden, der man eine starke und erfreuliche Wirkung nicht wird absprechen können. Fachwerk kommt, wenn man von den Nothkirchen absieht, an den Gotteshäusern in der Provinz nur ganz selten vor. Die Wiedergabe des Thurmes von Groß=Koschlau, dürfte deshalb als eines der besten Beispiele für diese Art der Ausführung genügen (Tafel 31, Fig. 4, 19-24).
Neuendorf Die Ausstattung bewegt sich, soweit sie in der bäuerlichen Kunstübung verwurzelt, im gleichen Kreise, wie bei den Häusern auch. Einen besondern Reichthum von dieser handwerklichen Kunst, hat die Georgenkirche in Pr. Holland bewahrt. Sie selbst ist ein einfacher, rechteckiger, später ganz überputzter Fachwerksbau, der als solcher nicht viel Bemerkenswerthes bietet. Aber reich und schön ist die Innenausstattung, die zum Theil von den Zünften selber an ihren Ständen angebracht ist (Tafel 28, Fig. 17, 20-24). Wenn sie auch streng genommen, einer Stadtkirche angehört, so gehört sie doch hierher als ein bestes Beispiel reiner, bodenständiger Handwerkskunst.
Leider ist die Wirkung der Farbe in den farblosen Wiedergaben schwer deutlich zu machen. Die höchste Höhe, zu der sich die ostpreußische Bauernkunst in dieser Beziehung erhoben hat, ist in einigen, an verschiedenen Stellen im Lande verstreuten Chorgestühlen erhalten geblieben (Abb. 51). Von den Einlegearbeiten am Hausrath ausgehend, bildete sich eine reizvolle, die Intarsia nachahmende Malweise aus, die in vielen wechselnden Motiven die Flächen der im übrigen schlicht getönten Gestühle schmückte. In der Profankunst tritt diese Art und Weise, und zwar bewußt als Nachahmung von Holzeinlegearbeit, wenn auch nicht immer geschickt ausgeführt, gegen das Ende des 18. Jahrhunderts auf und wird mit den Freiheitskriegen allgemein, während die wesentlich höher stehenden, uns überkommenen Beispiele der verwandten Technik an den Kirchenstühlen älter sind und weiter in das 18. Jahrhundert zurückgehen."

Zitat Ende

Aus neuster Zeit stammt das Material, das freundlicherweise Harald Meyenburg zur Verfügung gestellt hat
Erknerdorf
Es zeigt eine orthodoxe Kirche der Philipponen. Mehr unter /meyenburg-iz.de



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